Dr. Birgit Möckel über Map Key

Wie erfahre ich die Welt? Wie orientieren wir uns im Spannungsfeld körperlicher Bewegung und digitaler Raumerfahrung? Wo liegt der Schlüssel zur eigenen Verortung?

Die anspielungsreichen Assemblagen und großformatigen Malereien der Gothaer Künstlerin Bettina Schünemann bewegen sich im reichen Spannungsfeld zwischen sinnlich haptischen Oberflächenerscheinungen und dem Bild, das wir uns von der Erde machen. Glanz und Mattheit, Sand, Holz, Lack, Pigmente, Metallisches, Folie, Schellack, Graphit und viele andere Materialien treffen auf so abstrakte, wie präzise, so konkrete wie universale Bilder und Zeichen, Topographien und Überlagerungen. Mit allem zeigen sich ureigene Weltbilder, die nicht zuletzt ein künstlerisches Universum öffnen und erfahrbar werden lassen.

Mit ihrer für das KunstHaus Potsdam konzipierten Präsentation Map Key öffnet Bettina Schünemann eigene Perspektiven auf die Welt und stellt Fragen nach Lesbarkeit und Vereinbarkeit von visuellen Systemen – analog zu detailreichen Legenden auf Karten oder tonangebenden Notenschlüsseln, die als universelle Referenz von Systemen und Analogien grenzüberschreitend lesbar sind. Ausgehend von einem Fundus an Perthes- oder Haack-Karten aus Gotha, entstanden im Atelier so geheimnisvolle wie anspielungsreiche Assemblagen gepaart mit großformatigen leuchtend farbigen Malereien. Geographische Markierungen treffen auf markante Farbfelder, detailreiche räumliche Konstellationen auf freies malerisches Kolorit, dichte monochrome Zonen auf transparente Stofflichkeit. Licht- und Schattenzonen changieren mit jeder Bewegung, öffnen oder verbergen gerade Gesehenes, um den Fokus auf verborgene Details zu lenken.

Der Schlüssel dieser Erfahrung von Welt und Gegenwart liegt jedoch nicht in den mit dem Titel assoziierten Legenden, sondern allein im Auge des Betrachters und dessen Bewegung im realen Raum. Die Reise zu den Bildern, die Entdeckungen im Werk setzen immer neue Ansichten. Ob Vogelperspektive, Satelliten-Blick, Nahsicht oder Teilansicht: Karten als allgegenwärtiger Maßstab – ob analog oder digital – sind nie objektiv. Die gültige Karte gibt es nicht. Immer sind Karten ein zweidimensionaler Abstraktionsversuch zur Vorstellung einer dreidimensionalen Welt. Diese Nahtstelle jedweder Orientierung im Raum interessiert Schünemann – als facettenreiches Spannungsfeld zwischen körperlicher und digitaler Raumerfahrung. Wo stehen wir „in unserer Welt mit menschlicher Verfasstheit auf der einen Seite und dem virtuellen „Google-Maps-Wissen“ auf der anderen Seite? Wie verorten wir uns? Mit eigenem Schrittmaß? Mit Hilfe von Navigationsgeräten? Was ist die Wahrheit hier vor Ort? Sind Syrien und Afghanistan ganz woanders oder hier? Aus welchen Koordinaten definiert sich mein Standort? Nach welchen Kriterien gleiche ich ständig ab? Was spielt sich in meinem Kopf ab? Was ist mit den Händen zu greifen?“  fragt die Künstlerin mit diesen detailreichen Ansichten von Welt und deren verborgenen Kern.

Dr. Birgit Möckel, Kunstverein KunstHaus Potsdam, 2020